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Kostenlose Beratung bei organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt

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Manipulation und Programmierung

Personen, die sexuellen Kindesmissbrauch in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen erlebt haben, berichten von verschiedenen Manipulationsstrategien, die Tatpersonen anwenden. Basierend auf Erfahrungsberichten und Beobachtungen in der klinischen Praxis werden diese im Folgenden näher beschrieben.

Manipulationsstrategien

Eine andere Person in ihrem Denken, Handeln oder Fühlen zu manipulieren, bedeutet, sie zu beeinflussen – oftmals ohne deren Wissen und Zustimmung. Diese Form der Beeinflussung geschieht zum Eigennutz des Menschen, der andere manipuliert. Werden Manipulationen von Tatpersonen bewusst eingesetzt, sprechen wir im Folgenden von Manipulationsstrategien. Eine Form der Manipulation, von der viele Betroffene von organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt berichten, ist die strategische Indoktrination mit bestimmten Ideologien, wie zum Beispiel satanistischen, religiösen, spirituellen oder rechtsextremen Ansichten (1). Indoktrination ist die Bezeichnung für eine gezielte, massive Beeinflussung von Einstellungen, Meinungen oder Werthaltungen durch gesteuerte, einseitige Informationen. Häufig soll dies unter Zwang oder unter Einsatz psychologischer Techniken geschehen, wie beispielsweise der bewussten Inszenierung von Situationen, um die Ideologie zu stützen (1). Ziele dieser Form der Manipulation können sein, die Betroffenen in ihrem Glauben an die Ideologie zu stärken, sie damit an die Gruppe zu binden, Gewalttaten zu rechtfertigen und/oder Widerstand zu hemmen (1). Weiterhin wird von sogenannten Gaslighting-Strategien berichtet, worunter eine gezielte Manipulation des Realitätsbewusstseins verstanden wird. Die Tatpersonen inszenieren dabei bestimmte Ereignisse, wie zum Beispiel schwere Gewalttaten. Oder sie schüchtern die Betroffenen ein, indem sie behaupten, dass Personen und Organisationen im Außen zur Gruppe gehören würden (1).

Entstehung dissoziativer Identitätsstrukturen

Als dissoziative Identitätsstruktur oder in diagnostischen Klassifikationsmanualen Dissoziative Identitätsstörung (DIS) wird eine Desintegration beziehungsweise Spaltung oder Auflösung des Bewusstseins in Bezug auf die eigene Persönlichkeit bezeichnet (2). Dadurch entstehen sogenannte Teil-Persönlichkeiten. Mehrere Studien belegen die Häufung andauernder frühkindlicher Traumatisierungen bei über 90% der untersuchten Betroffenen mit dissoziativer Identitätsstruktur (3, 4, 5, 6). Daher vermuten Wissenschaftler:innen, dass eine dissoziative Identitätsstruktur durch extreme Gewaltanwendung im frühen Kindesalter entstehen kann. Es wird angenommen, dass Betroffene durch ihre dissoziative Identitätsstruktur dazu in der Lage sind, schwere und anhaltende traumatische Erlebnisse aus dem Bewusstsein auszuschließen (7). Häufig wird berichtet, dass es Gruppen im Kontext von organisierten sexualisierten und rituellen Gewaltstrukturen darauf anlegen, solche psychischen Traumafolgesymptome bei betroffenen Personen in der frühen Kindheit strategisch zu erzeugen (1). Dissoziationsfördernde Methoden umfassen laut diesen Berichten eine Vielzahl an extremen Formen von psychischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt (8).

Programmierung durch Konditionierung

Als Konditionierung werden in der Psychologie bestimmte Formen des Lernens verstanden, die durch die wiederholte Kopplung von inneren und äußeren Reizen – wie zum Beispiel Sinneseindrücken und Verhaltensweisen – entstehen. Mit „Programmierung“ wird im Kontext organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt eine komplexe Form der Konditionierung beschrieben, durch die Tatpersonen versuchen, betroffene Personen – inklusive ihrer möglicherweise vorhandenen Teil-Persönlichkeiten – gefügig zu machen. Das Ziel soll sein, die Betroffenen in Bezug auf verschiedene von den Tatpersonen erwünschte Verhaltensweisen steuern zu können (9). Berichten zufolge können Tatpersonen durch sogenannte „Befehle“ beziehungsweise Reize diverse automatisierte Reaktionsmuster bei den Betroffenen immer wieder strategisch abrufen. Die Betroffenen erleben diese Reaktionen als vom Alltagsbewusstsein losgelöst und verhalten sich reflexartig mit dem Gefühl, sich dagegen kaum wehren zu können. Zudem berichten Betroffene mit einer dissoziativen Identitätsstruktur von „eigenständigen“ im Sinne der Tatpersonen agierenden Teil-Persönlichkeiten, die zum Beispiel bestimmte Handlungen am Alltagsbewusstsein vorbei ausführen. Solche Programme sollen auf ganz unterschiedliche Weise aktiviert werden können – sowohl durch Befehle direkt durch die Tatpersonen als auch durch bestimmte Reize im Alltag, zum Beispiel bei dem Versuch, die erlebte Gewalt aufzuarbeiten oder sich zu erinnern. Eine Betroffene schilderte dies mit folgenden Worten:

Wenn ich versuche, Sachen von damals zu rekonstruieren, kann es sein, dass Programme anspringen, die mich dazu bringen, irgendwohin zu gehen oder irgendwas zu tun. […] Ein Programm ist ja nichts anderes als ein Training, ein gutes Training. So wie Sie einem Kind beibringen, an der roten Ampel stehenzubleiben, können Sie einem Kind auch beibringen, auf ein Fingerschnippen hin sich auszuziehen. Das ist nicht schwer.

Zitat einer betroffenen Person aus der Analyse von Anhörungen und Berichten im Kontext der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (1)

Als übergeordnetes Ziel der Programmierung kann Gehorsamkeit und Verhaltenssteuerung gesehen werden. Betroffene berichten, dass konditionierte Reaktionen beziehungsweise „Programme“ in ganz verschiedene Bereiche ihres Lebens eingreifen. Dazu gehören die Nahrungsaufnahme, das Schlafverhalten, Kontakte beziehungsweise Kontaktabbrüche zu helfenden Personen, das Anlügen von helfenden Personen, das Offenbaren von Passwörtern zu persönlichen Internet-Accounts an Tatpersonen, das Befolgen von Gruppenregeln (z.B. Schweigegebote), Selbstverletzungen und suizidale Handlungen sowie das Vorbereiten von sexualisierter Gewalt (10). Es wird berichtet, dass Teil-Persönlichkeiten bestimmte Sexual- oder Gewaltpraktiken antrainiert werden, die diese dann ohne erkennbare Scham- oder Schuldgefühle an anderen Personen ausüben sollen.

Deprogrammierung

Als eine Möglichkeit, Programme zu verändern, wird die sogenannte „Deprogrammierung“ bezeichnet. In manchen therapeutischen Ansätzen wird vertreten, dass etwas, das systematisch erzeugt wurde, auch systematisch verändert werden kann (11). Durch eine fachgerechte „Deprogrammierung“ sollen sich die von Tatpersonen „einprogrammierten“ Mechanismen auflösen, sodass Auslösereize nicht mehr zu den ursprünglichen reflexartigen Denk-, Gefühls- und Verhaltensabläufen führen. Eine erfolgreiche Auflösung der Programme sollte in eine sorgsame Psychotherapie eingebettet werden, die den Kontext, die Lebensumstände und die gesamte Struktur der Betroffenen mit einbezieht. Eine fachgerechte „Deprogrammierung“ setzt laut den Vertreter:innen dieser Methode voraus, dass Behandelnde ausreichend Kenntnisse der Gesamtzusammenhänge der Gewalterfahrungen haben. Nicht für alle Betroffenen ist eine solche „Deprogrammierung“ der passende Weg. Viele empfinden dies als einen weiteren Eingriff von außen. Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, ob und wie „Deprogrammierungen“ wirken und zu welchen Nebenwirkungen es dabei möglicherweise auch kommen kann. Es ist wichtig, dass sich Betroffene gemeinsam mit ihrer therapeutischen Fachkraft kritisch mit dem Vorhaben einer „Deprogrammierung“ auseinandersetzen.

Referenzen

  1. Schröder, J., Behrendt, P., Nick, S. & Briken, P. (2020): Was erschwert die Aufdeckung organisierter und ritueller Gewaltstrukturen? Eine qualitative Inhaltsanalyse der Erlebnisberichte von Betroffenen und Zeitzeug_innen. Psychiatrische Praxis, 47(5), S. 249–259. https://doi.org/10.1055/a-1123-3064
  2. Weltgesundheitsorganisation (2008): Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, Kapitel V (F): Klinisch-diagnostische Leitlinien, hrsg. von Dilling, H., Mombour, W. & Schmidt, M. H. Bern.
  3. Dimitrova, L., Fernando, V., Vissia, E. M., Nijenhuis, E. R. S., Draijer, N., & Reinders, A. A. T. S. (2020). Sleep, trauma, fantasy and cognition in dissociative identity disorder, post-traumatic stress disorder and healthy controls: a replication and extension study. European Journal of Psychotraumatology, 11(1), 1705599.
  4. International Society for the Study of Trauma and Dissociation (2011). Guidelines for treating dissociative identity disorder in adults, third revision. Journal of trauma & dissociation : the official journal of the International Society for the Study of Dissociation (ISSD), 12(2), 115–187.
  5. Kluft, R. P. (1985). Childhood multiple personality disorder: predictors, clinical findings, and treatment results. In R. P. Kluft (Ed.), Childhood antecedents of multiple personality. Washington DC: American Psychiatric Press.
  6. Putnam, F. W. (1997). Dissociation in children and adolescents: A developmental perspective. New York, NY: Guilford Press.
  7. Gast, U., Rodewald, F. & Hoffmann, A. (2006): Die dissoziative Identitätsstörung – häufig fehldiagnostiziert. Deutsches Ärzteblatt, 103, S. 3193 – 3200.
  8. Huber, M. (2020): Was ist das Besondere an ritueller Gewalt? In: Derselbe, Trauma und die Folgen. Paderborn, S. 225–261.
  9. Breitenbach, G. (2012): Wie lässt sich das Wissen um die systematische Bewusstseins-Spaltung in Ritueller Gewalt und Mind-Control planvoll therapeutisch nutzen? In: Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewissenschaft, Psychologische Medizin, 10(4), S. 1–10.
  10. Fliß, C. (2012): Konditionierung und Programmierung von Nachfolgegeneration in Kulten, in: Trauma und Gewalt, 6(4), S. 330–341.
  11. Miller, A. (2014): Jenseits des Vorstellbaren. Therapie bei Ritueller Gewalt und Mind Control. Kröning.
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