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Partizipative Aktionsforschung zu Hilfesuchverhalten bei Betroffenen von organisierter und ritueller Gewalt

Bei dem folgenden Text handelt es sich um eine inoffizielle Übersetzung und Zusammenfassung des Originalartikels:

Matthew, L. & Barron, I. G. (2015): Participatory Action Research on Help-Seeking Behaviors of Self-Defined Ritual Abuse Survivors: A Brief Report. Journal of Child Sexual Abuse, 24(4), S. 429–443. https://doi.org/10.1080/10538712.2015.1029104

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Die Studie befasst sich mit zwei Themen im Bereich der sexualisierten Gewalt in organisierten und rituellen Strukturen (ORG): Einerseits mit der Wahrnehmung Betroffener bei der Suche nach Unterstützungsangeboten und andererseits mit der aktiven Beteiligung von Betroffenen als Forschende. Um die Erfahrungen der ORG-Betroffenen bei der Suche nach Hilfe zu sammeln, wurde mittels partizipativer Aktionsforschung eine Online-Befragung entworfen. Bei der partizipativen Aktionsforschung nehmen betroffene Personen, in diesem Fall Betroffene von ORG, nicht nur als Befragte teil, sondern sie werden auch in die Datenerhebung und -analyse der Studie mit einbezogen. In der vorliegenden Studie berichteten 22 teilnehmende Betroffene (von insgesamt 68 in die Studie involvierten Personen) von Unglauben, fehlendem Bewusstsein für die Existenz von ORG sowie von einem Mangel an Unterstützungsangeboten. Die partizipative Aktionsforschung wurde als aufklärend und ermächtigend wahrgenommen.

Einleitung

In den 1990er-Jahren berichteten erste wissenschaftliche Fachartikel von sexualisierter Gewalt in organisierten und rituellen Strukturen. Stimmungsgeleitete Berichterstattung in den Medien und die sogenannte „false memory“-Theorie („False memory“-Theorie: In der Berichterstattung der 1980er- und 1990er-Jahre vorherrschende, verharmlosende Darstellung sexuellen Kindesmissbrauchs als Produkt scheinbar „falscher“ Erinnerungen bei den Betroffenen, die z.B. durch das Wirken von suggestiven Psychotherapeut:innen hervorgerufen würden) führten jedoch dazu, dass sich viele Fachpersonen von dem Thema distanzierten. Es ist anzunehmen, dass Betroffene hierdurch noch weiter isoliert und unglaubwürdig gemacht wurden. Die Debatte um ORG ist komplex und voller extremer, gegensätzlicher Positionen, die bislang zu Schwierigkeiten bei der Untersuchung gemeldeter Fälle geführt haben. Die meisten Studien im Bereich ORG stützen sich eher auf professionelle Meinungen und weniger auf Berichte von Betroffenen.

Partizipative Aktionsforschung

Matthew (2002) hebt die besondere Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Forschenden, therapeutisch Praktizierenden und Betroffenen hervor, um ein tieferes Verständnis für die behandelte Thematik zu entwickeln. Die partizipative Aktionsforschung verspricht durch die Bündelung der Stimmen von Betroffenen und Forschenden einen effektiven Ansatz, der es den beiden Gruppen ermöglicht, Probleme zu identifizieren (Silver, 2008). Die Autor:innen dieser Studie sehen die Stimmen der Betroffenen in der Forschung als weitgehend vernachlässigt an; die Einbeziehung von Betroffenen als Forschende stecke noch in den Kinderschuhen. Die hier beschriebene Studie zielt darauf ab, diese Lücken durch den Einsatz partizipativer Aktionsforschung zu schließen. Insbesondere sollen Betroffene von ORG als Forschende befähigt und ihre Erfahrungen bei der Suche nach Hilfe ermittelt werden. Schließlich untersucht diese Studie auch die Erfahrungen der Teilnehmenden mit der partizipativen Aktionsforschung.

Methoden

Forscherinnen

Als Forscherinnen wurden Mitarbeiterinnen einer ORG-spezifischen Hilfe-Hotline einbezogen, die selbst Betroffene von ORG sind. Das Forschungsteam bestand aus zwölf Forscherinnen zwischen 22 und 60 Jahren und einem Durchschnittsalter von 30 Jahren. Neun der Forscherinnen berichteten eine Schwerbehinderung aufgrund von psychischen Beeinträchtigungen, die auf die erlebte Gewalt zurückzuführen waren, darunter (komplexe) Posttraumatische Belastungsstörungen (Posttraumatische Belastungsstörung: Psychische Störung, die durch das Erleben eines katastrophalen Ereignisses (Trauma) entsteht und u.a. von sich aufdrängenden Erinnerungen an das Trauma, z.B. im Traum oder durch sogenannte Flashbacks, gekennzeichnet ist) und Dissoziative Identitätsstörungen (Dissoziative Identitätsstörung: Unterbrechung in der ganzheitlichen Funktion der Identität, des Gedächtnisses und des Bewusstseins, welche nicht als einheitlich und zusammengehörig erlebt werden. Verschiedene Persönlichkeitsanteile übernehmen abwechselnd das Denken, Fühlen und Verhalten). Sechs Forscherinnen berichteten von körperlichen Beeinträchtigungen, die auf die erlebte Gewalt zurückzuführen waren, darunter Genitalverstümmelung sowie Darm-, Nieren- und Lungenerkrankungen. Das Forschungsteam wurde von einer Studienleiterin angeleitet, die ebenfalls Betroffene von ORG ist.

Teilnehmende

Die Einladungen zur Studienteilnahme wurden über die besagte Hilfe-Hotline verbreitet. 135 Betroffene konnten erreicht werden, um selbst als Forscher:innen und/oder als Proband:innen an der Studie teilzunehmen. Letztendlich erklärten sich 68 Betroffene bereit, am ersten Part der Studie, der Online-Befragung, teilzunehmen. Davon nahmen 22 auch am zweiten Studienpart, dem Interview, teil. Alle zwölf Forscherinnen nahmen an der Online-Befragung und dem Interview teil.

Studiendesign

Die Kombination aus quantitativen und qualitativen Methoden (In der qualitativen Forschung werden meist weniger Fälle untersucht, die dafür aber ausführlicher beschrieben werden, um Einzelheiten für eine interpretative Auswertung und ein tieferes Verständnis zu erhalten. Es werden vor allem offene Fragen gestellt, um viele individuelle Informationen zu sammeln. Die qualitative Forschung wird von der quantitativen Forschung abgegrenzt, bei welcher eine große Anzahl von Daten zur Auswertung erhoben wird, um eine statistische Aussagekraft zu erzielen. Meist werden Multiple-Choice-Fragen gestellt, ohne weitere individuelle Informationen zu erfragen) in Form der Online-Befragung und des anschließenden Interviews ermöglichte es, die Art der Hilfesuche in Bezug auf Gedanken und Gefühle besonders differenziert zu verstehen. Im Forschungsprozess recherchierten drei Forscherinnen die benötigte Literatur, neun brachten persönliche Erfahrungen ein, vier übernahmen die Datenanalyse, zwei übertrugen die aufgenommenen Interviews in Schriftform und drei waren an der Erstellung und Prüfung eines ersten veröffentlichten Berichts beteiligt.

Online-Befragung

Die anonyme Online-Befragung wurde über einen Zeitraum von sechs Monaten durchgeführt. Die Bearbeitung nahm durchschnittlich 20 Minuten in Anspruch. Es wurde ein Online-Fragebogen zu folgenden Fragestellungen entwickelt:

a)  Wie definieren Sie ORG?
b)  Möchten Sie etwas über Ihre eigenen Erfahrungen bei der Suche nach Hilfe mitteilen?
c)  Was sind positive und negative Erfahrungen bei der Suche nach Hilfe?
d)  Was brauchen Betroffene?
e)  Was würde die Hilfeleistungen verbessern?
f)  Möchten Sie noch etwas mitteilen?

Datenanalyse

Zunächst analysierten vier Forscherinnen allein, dann gemeinsam die Aussagen der Teilnehmenden zu den erfragten Themen. Basierend auf der klinischen Beurteilung der Studienleiterin wurden traumatisierende Details der Antworten vor der Analyse entfernt.

Ergebnisse

Online-Befragung

68 Personen nahmen an der Online-Befragung teil; 71% davon waren weiblich. 85% gaben an, Betroffene von ORG zu sein; 15% waren Unterstützer:innen von Betroffenen. Sieben Personen gaben außerdem an, dass sie neben ORG auch andere Formen von Gewalt erlebt hatten. Als die Teilnehmenden nach ihren Bedürfnissen als ORG-Betroffene gefragt wurden, wurden folgende Themen am häufigsten genannt: Unterstützung (42 Teilnehmende), mehr Bewusstsein (34 Teilnehmende) und Glaubwürdigkeit zu erfahren (24 Teilnehmende). Eine weitere offene Frage bezog sich auf die Erfahrungen bei der Suche nach Hilfe. Hierbei waren Unglaube (60 Teilnehmende), mangelndes Bewusstsein (60 Teilnehmende) und Vorurteile (10 Teilnehmende) die Hauptthemen. Die Teilnehmenden wurden auch gebeten, die Qualität der Hilfeleistung zu bewerten. Die Polizei, pädagogische Einrichtungen und Anlaufstellen für Vergewaltigung und häusliche Gewalt wurden als schlecht eingestuft (62%), während die Gesundheits- und Sozialdienste als besonders schlecht eingestuft wurden (87%).

Interviews

Mit 22 weiblichen Teilnehmerinnen im Alter von 25 bis 50 Jahren wurden Interviews entweder persönlich (6 Teilnehmerinnen), per E-Mail (12 Teilnehmerinnen) oder über ein „Schwarzes Brett“ (4 Teilnehmerinnen) durchgeführt. Bei jeweils drei Teilnehmerinnen fanden persönliche Interviews in den Büros der Hilfe-Hotline oder zu Hause statt. Fünf Hauptthemen wurden aus den Antworten der Interviews ermittelt: 1) „Partizipation is powerful“, 2) Definition von ORG, 3) Unglaube, 4) mangelndes Bewusstsein und 5) Vorurteile. Im Folgenden werden diese Kategorien genauer beschrieben. 

Sobald die Forscherinnen miteinbezogen wurden, stellten sie fest, dass sich ihre Beteiligung sowohl auf ihr eigenes Leben als auch auf den Forschungsprozess auswirkte: Das Lesen der Berichte anderer Betroffenen mit ähnlichen Erfahrungen reduzierte die eigene Isolation und brachte einige Forscherinnen dazu, Maßnahmen für sich und andere zu ergreifen. Alle Forscherinnen berichteten, dass sie sich aufgrund ihrer Beteiligung an der Forschung gestärkt und selbstbewusster fühlten. Einige nahmen sogar bedeutsame persönliche Veränderungen vor, z.B. indem sie ein Studium aufnahmen oder bei der Polizei zur erlebten Gewalt aussagten.

Viele Teilnehmende beschrieben ORG als eine ritualisierte Form sexueller Gewalt, dabei jedoch als „extremer als andere Formen der sexualisierten Gewalt, da mehr Menschen beteiligt sind“. Acht Teilnehmende benannten vorhandene Glaubenssysteme und Religiosität in diesem Kontext. Die Teilnehmenden waren der Ansicht, dass die Gewalt zu komplex sei, um einfach definiert zu werden. Schließlich wurde keine Definition vereinbart, da die Befragten ihre eigenen Erfahrungen selbst definieren wollten:

„Ich möchte keine Etiketten mehr (…). Die Gewalt ist extrem, aber ich habe sie überlebt.“

Die meisten betrachteten die „false memories“-Gegenreaktion der 1980er- und 1990er-Jahre als verantwortlich für die Diskreditierung von ORG und viele zögerten, den Behörden offenzulegen, dass sie Betroffene seien. Einige verknüpften das mangelnde Bewusstsein für ORG und den allgemeinen Unglauben mit einem Mangel an verfügbaren Unterstützungsangeboten.

Angst vor Unglauben war ein zentrales Thema und kam vor allem in den Berichten von zwölf Teilnehmenden vermehrt vor. In den Interviews erörterten die Teilnehmenden die Gründe des Unglaubens sowie dessen Konsequenzen für die Betroffenen. Viele versuchten, die Gründe für den Mangel an Glauben zu verstehen:

„Wir sind mit Leugnung und Unglauben in einem Ausmaß konfrontiert, das kaum zu glauben ist. Sie können mit unseren Gewalterfahrungen überhaupt nicht umgehen, aber das müssen sie überhaupt nicht, sie müssen nur zuhören, aber sie tun es nicht.“

Andere wiederum waren wütend, besonders wenn sie über ihre Erfahrungen sprachen, als ihnen in der Kindheit nicht geglaubt wurde. Einige äußerten Bedenken hinsichtlich des Jugendschutzes. Probleme mit psychischen Erkrankungen spiegelten sich in den Erfahrungen der Teilnehmenden bei der Suche nach Hilfe wider:

„Als ich eine neue Therapie anfing und mich an die rituelle Gewalt erinnerte, glaubte mir meine Therapeutin nicht. (…) Es ist schon schwer genug, mit einigen dieser extremen Erinnerungen fertig zu werden, ohne den Unglauben.“

Alle Teilnehmenden berichteten über Erfahrungen mit mangelnden Hilfsangeboten, fehlendem Bewusstsein um ORG sowie Ablehnung durch Hilfedienste, nachdem die Art der erlebten Gewalt offengelegt wurde. Den Teilnehmenden zufolge ist „das Bewusstsein bei den meisten Hilfediensten gering (…).“ Bei geringem oder gar keinem Bewusstsein um ORG können die Betroffenen keine gute Hilfe erhalten. Durch geringe Hilfsangebote schweigen die Betroffenen und können ihre Erfahrungen nicht offenlegen oder teilen.

Aufgrund des Stigmas und der Diskriminierung gaben die Teilnehmenden ungern bekannt, dass sie Betroffene von ORG sind. Einige führten es auf den Unglauben, andere auf das mangelnde Bewusstsein und auf Ängste zurück:

„Arbeiter:innen fürchten um ihre Arbeit, professionelle Unterstützende um ihren Ruf und ich um mein Leben.“

Unabhängig von der Ursache der Vorurteile stellt dies für die Betroffenen ein weiteres Hindernis bei der Suche nach Hilfe dar. Einige erlebten auch andere Vorurteile, z.B. wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Schließlich reflektierten einige Betroffene ihre zunehmende Nutzung des Internets:

„Da ich online anonym bleiben kann, fühle ich mich viel sicherer, wenn ich etwas über mich preisgebe und es mit anderen Menschen teile, die persönliche Erfahrungen mit den Dingen haben, von denen ich zu heilen versuche.“

Diskussion

Die aktuelle Studie legt nahe, dass partizipative Aktionsforschung Betroffene von ORG stärken und das Gefühl der Ohnmacht bekämpfen kann. Die Autor:innen halten dies für besonders relevant für Betroffene, die bei der Suche nach Hilfe mit Unglauben und Vorurteilen konfrontiert sind. Die involvierten Forscherinnen konnten eine kritische Perspektive einnehmen, indem sie sich an der Forschung beteiligten und den Prozess des Forschens reflektierten. Die Forscherinnen waren sich der Ermächtigung bewusst, die sich aus dem Wechsel der Position von Probandin hin zur Forscherin ergab.

Um Objektivität zu gewährleisten, durchliefen die Forscherinnen einen Selbstreflexionsprozess, der den Forschungsprozess und den Einfluss der Forscherinnen auf diesen umfasste. Das Thema Macht war beispielsweise eine ständige Herausforderung. Dies musste den Forscherinnen erst verdeutlicht werden. Hier kam es der Studienleiterin zu, sicherzustellen, dass der Fokus auf der ursprünglichen Forschungsfrage verblieb und keine anderen Forschungsinteressen in den Vordergrund rückten. Um dieses Dilemma zu bewältigen, versuchte die Studienleiterin die sich verändernde Beziehung zwischen Forscherinnen und Teilnehmenden im Verlauf deutlich zu machen. Die Position der Studienleiterin war von zentraler Bedeutung für den Forschungsprozess und wurde von jener als komplex erfahren. Diskussionen zwischen der Studienleiterin und den Forscherinnen zeigten zunehmend die unterschiedlichen Ziele der Forscherinnen. Diese Studie zeigt, dass sich Betroffene von ORG als eine Gruppe mit gemeinsamen Erfahrungen bei der Suche nach Hilfe identifizierten, die auch die Fähigkeit hatten, als Forscherinnen zusammenzuarbeiten. Einige Forscherinnen gaben an, bedeutsame Veränderungen im Leben erreicht zu haben. Partizipative Aktionsforschung scheint also ein befähigender Prozess gewesen zu sein, bei dem Betroffene Veränderungen in der Wahrnehmung ihrer Selbst, neue Kenntnisse und Fähigkeiten und die Erlangung eines Gefühls von Stärke durch die Durchführung von Forschung berichteten. Den Betroffenen wurde es als solche durch die partizipative Aktionsforschung ermöglicht, Akteure in ihrem eigenen Leben und im Leben anderer zu werden, indem sie beispielsweise die Existenz von ORG hervorhoben, indem sie verstehen konnten, wie sich Betroffene definieren können, indem sie dafür sensibilisieren konnten, wie Betroffene bei der Suche nach Hilfe Unglauben von Fachleuten erfahren, und indem sie die Forschungsgemeinschaft herausfordern konnten, unterschiedliche Formen der Untersuchung und des Wissens zu berücksichtigen.

In der vorliegenden Studie definierten die Teilnehmenden sich durch ihre Erfahrungen selbst als von ORG betroffen. Zudem berichteten die meisten Forscherinnen und einige Teilnehmende von Diagnosen schwerer psychischen Störungen. Die generelle Übertragbarkeit der hier beschriebenen Ergebnisse auf alle Betroffenen von ORG ist eingeschränkt, da die Teilnehmenden ausschließlich über eine Hilfe-Hotline rekrutiert wurden. Da die zwölf Forscherinnen und die 22 Teilnehmerinnen der Interviews weiblich waren, ist auch unklar, ob die berichteten Ergebnisse auf die Einstellungen von männlichen Betroffenen übertragbar sind. Zu den wichtigsten Herausforderungen der Studie gehörten die Aushandlung der (a) Forschungsfrage und des Forschungsdesigns, (b) konkurrierenden und persönlich spezifischen, eigenwilligen Aktionsabsichten, (c) Grenzen der Vertraulichkeit, (d) Interpretation der Ergebnisse, (e) Kommunalpolitik und (f) Unterschiede in den Prioritäten zwischen Forschenden und Teilnehmenden, welche den Forschungsprozess erschweren können.

Schlussfolgerung

Die aktuelle Studie ergab, dass Betroffene von ORG unter dem anhaltend polarisierten gesellschaftlichen Diskurs über Unglauben, „false memories“ und Traumafolgestörungen leiden. Es wurde festgestellt, dass Betroffene bei Fachleuten ein geringes Bewusstsein für ORG wahrnehmen, was wiederum dazu führt, dass deren Hilfeleistungen als schlecht/unzureichend eingestuft wurden. Infolgedessen gaben die Teilnehmenden an, dass sie aufgrund erwarteter negativer Reaktionen nicht bereit waren, ihre Erfahrungen offenzulegen. Die Autorinnen schlagen vor, dass Anlaufstellen für Betroffene von ORG das Bewusstsein für deren spezifische Probleme schärfen, dass Betroffene ihre Erfahrungen austauschen, und dass bereits sensibilisierte Hilfeeinrichtungen im Bereich ORG gefördert werden sollten.

Partizipative Aktionsforschung scheint ein stärkender und befähigender Prozess für Betroffene zu sein, der zu neuen Kompetenzen, positiven Wahrnehmungen und sozialer Unterstützung sowie zur Entwicklung neuer Lebensmöglichkeiten führt. In Bezug auf den Prozess der partizipativen Aktionsforschung konnten betroffene Forschende (a) ihre Erfahrungen bei der Suche nach Hilfe, (b) den Forschungsprozess, und (c) die Folgen außerhalb des Rahmens der Studie reflektieren, wie z.B. Veränderungen im wirklichen Leben. Trotz einiger methodischer Herausforderungen bietet partizipative Aktionsforschung einen vielversprechenden Ansatz, um durch Forschung einen sozialen Wandel zu erreichen und zum persönlichen Wachstum der teilnehmenden Forschenden beizutragen.

Die aktuelle Studie legt nahe, dass es im Bereich ORG weiterer Forschung bedarf, insbesondere partizipativer Aktionsforschung. Zukünftige Studien sollten beispielsweise die Auswirkungen von partizipativer Aktionsforschung auf die Reaktionen von relevanten Behörden untersuchen. Darüber hinaus müssen zusammen mit Betroffenen die Komplexitäten und Herausforderungen dieser Forschungsmethode mit dem Schwerpunkt auf der Ermittlung der effektivsten Methoden untersucht werden. Es wird angeregt, dass partizipative Aktionsforschung für eine Vielzahl von Betroffenengruppen nützlich sein kann. Schließlich wäre es auch interessant, den Verlauf von positiven und negativen Veränderungen im Verhalten von psychosozialen Fachpersonen aus Sicht der Betroffenen zu verfolgen.

Referenzen

  • Brand, B. & Loewenstein, R. (2010): Dissociative disorders: An overview of assessment, phenomenology, and treatment. Psychiatric Times, 10, 62–69.
  • Matthew, L. (2002): Where angels fear. Dundee: Dundee Young Women’s Centre.
  • Silver, C. (2008): Participatory approaches to social research. In: Gilbert, N. (Hrsg.), Researching social life. London, S. 101–124.
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