Hilfe-Telefon berta  0800 30 50 750

Kostenlose Beratung bei organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt

Abstr_22

Umgang mit Traumafolgesymptomen

Die Dissoziative Identitätsstörung und die oftmals damit einhergehende Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung sind Traumafolgestörungen, die im Kontext von sexualisierter Gewalt in organisierten und rituellen Strukturen häufig auftreten. Der folgende Text erläutert diese Symptombilder, macht auf mögliche Herausforderungen aufmerksam und bietet im letzten Absatz einen Einblick in die Perspektive einer betroffenen Frau, mit dem Ziel, andere Betroffene auf ihrem Weg in die Psychotherapie zu ermutigen.

Themen in diesem Beitrag

Dissoziative Identitätsstruktur

Als Kernmerkmal einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) ‒ auch Dissoziative Identitätsstruktur genannt ‒ werden in den gängigen klinischen Diagnosemanualen zwei oder mehr unterscheidbare Identitäten oder Persönlichkeitsanteile innerhalb eines Menschen beschrieben. Diese übernehmen wiederholt die Kontrolle über das Verhalten einer Person und haben jeweils eigene Erinnerungen, Wahrnehmungen und Verhaltensweisen. Das Wechseln zwischen Persönlichkeitsanteilen wird häufig als „Switch“ (auf Deutsch: Wechsel) bezeichnet. Diese Wechsel können durch „Trigger“ (auf Deutsch: Auslöser) hervorgerufen werden und sowohl unkontrolliert als auch kontrolliert vorkommen (1). Wenn Sie den Verdacht haben, dass bei Ihnen eine Dissoziative Identitätsstruktur vorliegt, sollten Sie dies mit einer Fachperson besprechen. Wichtig ist eine seriöse Diagnostik durch erfahrene oder sich diesbezüglich weiterbildende approbierte Psychotherapeut:innen. Hierfür kann es hilfreich sein, alle Beobachtungen zu dokumentieren: Schreiben Sie auf, was Sie an sich beobachten und suchen Sie das Gespräch mit Fachleuten. Wichtig ist hierbei, dass Sie bei der Fachperson das Gefühl haben, mit Ihrem Anliegen und Ihren Fragen ernst genommen zu werden.

Diagnostik von DIS

Viele Betroffene berichten nur dann von dissoziativen Symptomen, wenn sie ausreichend Vertrauen zu den Diagnostiker:innen beziehungsweise Behandler:innen haben. Sie brauchen meist Zeit, ihre dissoziativen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Verhaltensweisen zu erkennen, diese in Worte zu fassen und entsprechend mitzuteilen. Zudem haben sie oft auch bei jahrelanger Therapie immer wieder Zweifel am eigenen Erleben, Schamgefühle und ausgeprägte Ängste, „verrückt“ zu sein. Manche Symptome und deren diagnostische Zuordnung werden daher oft erst im Laufe einer langen ambulanten oder stationären Psychotherapie deutlich. Wichtig ist, dass sich Behandler:innen und Betroffene auch bei noch offener Diagnostik darauf konzentrieren, vorliegende Symptome zu bewältigen und Einschränkungen zu überwinden. Selbstkontrolle, Selbstwirksamkeit und Selbstfürsorge sind häufige Behandlungsziele im psychotherapeutischen Prozess. Sie können Betroffenen helfen, das eigene Leben zunehmend so zu gestalten, dass es sich lebenswert und erfüllt anfühlt ‒ auch wenn der Weg dahin häufig lang und beschwerlich ist. Die vertiefte Arbeit mit dissoziativen Persönlichkeitsanteilen sollte erst bei einer gesicherten DIS-Diagnose und im Rahmen einer traumaspezifischen Psychotherapie erfolgen. Auch die Zuordnung der erfolgten Gewalterfahrungen, zum Beispiel ob es sich dabei um die Folgen von organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt handelt, kann meist erst über einen längeren Zeitraum hinweg und mit ausreichender Erfahrung der Behandler:innen oder entsprechender Supervision gemeinsam mit den Betroffenen eingeschätzt werden.

Leider wird eine DIS von Fachpersonen häufig nicht erkannt (3). Gründe dafür sind, dass die Diagnose DIS nicht ausreichend bekannt ist und teilweise auch nicht akzeptiert wird (4,5). Dadurch kommt es vor, dass Fachärzt:innen und Psychotherapeut:innen Symptome übersehen oder einer anderen Diagnose zuordnen, wie zum Beispiel der einer (Borderline-)Persönlichkeitsstörung oder Schizophrenie (3). In der Folge werden betroffene Menschen gar nicht oder entsprechend der gestellten Fehldiagnose behandelt und wichtige darüberhinausgehende therapeutische Behandlungsmöglichkeiten nicht ausgeschöpft. Menschen mit einer nicht diagnostizierten Dissoziativen Identitätsstruktur können dann möglicherweise trotz einer Psychotherapie ihre Symptome und damit einhergehende Einschränkungen im alltäglichen Leben nicht ausreichend verstehen und bewältigen. Dies ist mit erheblichem persönlichem Leid verbunden. Andersherum kann es – genau wie bei anderen psychischen Erkrankungen – auch bei der DIS zu falsch positiven Diagnosen kommen. Das heißt, die Diagnose einer DIS wird aufgrund einer Fehleinschätzung der Behandler:in gestellt, ohne dass diese wirklich vorliegt (6,7). Manchmal kann es auch vorkommen, dass Menschen fälschlicherweise von sich aus überzeugt sind, eine DIS zu haben. Auch diese Menschen bleiben in ihrem Heilungsprozess blockiert, weil die eigentlich dahinterliegenden psychischen Belastungen (z.B. eine Borderline-Persönlichkeitsstörung) nicht oder unpassend behandelt werden. Allerdings gilt: Obwohl sich Behandler:innen beim Vergeben einer DIS-Diagnose auch einmal irren können, ist die Diagnose insgesamt in Deutschland bisher zu wenig akzeptiert und wird zu selten gestellt.

Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung bei Personen mit DIS

Viele Menschen mit einer DIS erleben auch die Symptome einer Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (KPTBS). Dabei können die Symptome der KPTBS bei den unterschiedlichen dissoziativen Persönlichkeitsanteilen jeweils verschieden sein (2). Einige Persönlichkeitsanteile stehen beispielsweise unter hoher Anspannung. Sie „stecken fest“ in traumatischen Erinnerungen bis hin zu andauernden Flashbacks, in denen sie die erlittene Gewalt in Form von starken Emotionen, Bildern, Geräuschen und Körperempfindungen wiedererleben. Andere Persönlichkeitsanteile, die zum Beispiel für die Alltagsbewältigung zuständig sind, können dazu unter Umständen wenig Zugang haben. Sie erinnern das Trauma nicht und erleben selten starke Emotionen (2). Symptomatisch für die KPTBS ist, dass sich die Selbstwahrnehmung verändert. Auch das kann bei Menschen mit DIS je nach Persönlichkeitsanteil unterschiedlich sein. Möglicherweise erleben dann zum Beispiel nur einige Persönlichkeitsanteile das für die KPTBS charakteristische negative Selbstbild. In Beziehungen zu anderen Menschen kann es Persönlichkeitsanteile geben, die niemandem vertrauen – während andere schnell Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen und halten können. Auch Emotionen werden von den verschiedenen Persönlichkeitsanteilen oft unterschiedlich verarbeitet. Kurzum: Die Symptome einer KPTBS wie auch die traumatischen Erlebnisse an sich können bei einer DIS auf unterschiedliche Persönlichkeitsanteile verteilt sein. Das hat Auswirkungen auf die Diagnostik. Oft ist es für Diagnostiker:innen schwer, das gesamte Ausmaß der Symptomatik zu erfassen. Das liegt daran, dass sie sich meist nur einen klinischen Eindruck von demjenigen Persönlichkeitsanteil machen können, mit dem sie gerade sprechen.

Umgang mit den Traumafolgesymptomen

Sowohl bei der DIS als auch bei der KPTBS geht es darum, die Symptome als Bewältigungswege zu verstehen, die in einer schwer traumatischen Situation das Überleben gesichert haben. Während sich diese Bewältigung bei der KPTBS relativ durchgängig und zusammenhängend in Verhalten und Erleben darstellt, ist sie bei der DIS von einem fragmentierten beziehungsweise zergliederten Selbst geprägt. Das macht die Symptome und das Erleben einer DIS entsprechend vielgestaltig. Menschen mit einer DIS stehen vor der Herausforderung, Verständnis für alle Bewältigungsstrategien ihrer unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile zu entwickeln, auch wenn sich diese als problematisch herausstellen. Es ist für Betroffene daher ein wichtiger Prozess, die erlittene Gewalt zunehmend anzuerkennen und die eigenen Bewältigungswege zu akzeptieren. Wichtige Lernschritte können dabei sein, sich nicht selbst zu verurteilen und die Verantwortung für die erlebte Gewalt und Ausbeutung bei den Tatpersonen zu verorten. Zugleich ist es hilfreich, Verantwortung für die Bewältigung der Gewaltfolgen und den eigenen Heilungsprozess zu übernehmen. Dazu gehört, die verschiedenen Persönlichkeitsanteile kennenzulernen, zu verstehen und untereinander zu kommunizieren. Das sind große Herausforderungen, für die Betroffene eine kompetente und umfassende therapeutische Begleitung von Fachpersonen brauchen. Im besten Falle arbeiten hierbei verschiedene Berufsgruppen interdisziplinär zusammen, wie zum Beispiel psychosoziale Berater:innen, Psychotherapeut:innen und Psychiater:innen. Darüber hinaus sind gute Beziehungen zu anderen Menschen hilfreich, da sie ein Gegengewicht zur erlebten zwischenmenschlichen Gewalt und Ausbeutung bilden können. Auch schöne Erlebnisse in der Natur, mit Tieren oder andere Ressourcen wie Freude an Bewegung und kreativem Tun können den Heilungsprozess sehr unterstützen. Das Nachgehen einer beruflichen Tätigkeit kann ebenfalls eine Ressource darstellen. Insgesamt lässt sich sagen, dass für den Umgang mit den Symptomen der KPTBS sehr ähnliche Grundsätze gelten wie für den mit der DIS. Wenn eine DIS vorliegt, können die Symptome einer KPTBS jedoch nicht isoliert, sondern nur im Zusammenhang mit den verschiedenen dissoziativen Persönlichkeitsanteilen sowie der Gesamtpersönlichkeit verstanden werden. Dies ist zu beachten, wenn es darum geht, belastende Symptome zu verändern und an Lebensqualität zu gewinnen.

Perspektive einer betroffenen Frau

Für Personen, die organisierte sexualisierte und rituelle Gewalt erfahren und Traumafolgesymptome entwickelt haben, kann die Suche nach einer passenden Psychotherapie langwierig und mühsam sein. Das liegt unter anderem daran, dass unsere Gesellschaft und auch viele psychosoziale Fachpersonen nicht ausreichend über das Thema DIS und die möglicherweise dahinterliegenden Gewaltstrukturen informiert sind. Es gibt einen Mangel an Wissen.

„Ich war mir der Dissoziativen Identitätsstruktur gar nicht bewusst. Das ist schwierig, wenn das Außen nicht erkennt und man selbst auch kein Bewusstsein dafür hat, was mit einem los ist.“

Zitat einer anonymen Betroffenen, persönliche Kommunikation mit den Autor:innen (2021)

Eine hilfreiche erste Anlaufstelle können Beratungsangebote sein, die auf das Thema sexualisierte Gewalt spezialisiert sind. Die Berater:innen dieser Fachberatungsstellen haben viel Erfahrungswissen und gute Netzwerke. So können sie beispielsweise Kontakte zu Psychotherapeut:innen mit Fachkenntnissen im Bereich der Traumafolgestörungen herstellen.

„Ich war in vielen Kliniken und bei vielen Therapeut:innen, die mich nicht verstanden haben, bis ich schließlich beim Frauennotruf gelandet bin. Die haben mich dann an meine Therapeutin verwiesen, die zu dem Zeitpunkt eigentlich auch gar keine Patient:innen mehr aufnahm. Dass sie es tat, war das Beste, was mir hätte passieren können.“

Zitat einer anonymen Betroffenen, persönliche Kommunikation mit den Autor:innen (2021)

Auf der Suche nach einem geeigneten Therapieplatz kann es sein, dass Betroffene viele verschiedene Möglichkeiten ausprobieren und unterschiedliche Fachkräfte aufsuchen müssen, bis sie ein für sich passendes Angebot gefunden haben. Auch dann ist auf allen Seiten oft viel Geduld gefragt, bis eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung entsteht.

„Es ist ein stetiges Überwachen. Bevor es richtig losgeht, wird der:die Therapeut:in einmal richtig geprüft und alles abgeklopft. Das braucht seine Zeit.“

Zitat einer anonymen Betroffenen, persönliche Kommunikation mit den Autor:innen (2021)

In der Therapie kann es für Personen, die organisierte sexualisierte und rituelle Gewalt erlebt und eine Dissoziative Identitätsstruktur entwickelt haben, besondere Hindernisse geben, die eine effektive Zusammenarbeit sowie das Aufbauen einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung erschweren. Zu den Hindernissen können beispielsweise massive Ängste, Misstrauen und Scham gehören. Zudem berichten Betroffene und Fachpersonen oft von vergangenen oder gegenwärtigen Einflüssen aus der Tatpersonengruppe, die das Ziel haben, die Aufnahme einer psychotherapeutischen Behandlung zu verhindern oder zu blockieren. Insbesondere am Anfang der Therapie kann es hilfreich sein, sich gemeinsam mit der:dem Psychotherapeut:in Ängste, Misstrauen und mögliche Blockaden genauer anzusehen. Außerdem ist es wichtig, sich als betroffene Person immer wieder zu fragen und zu prüfen, ob sich die Zusammenarbeit mit dem:der Therapeut:in nach wie vor stimmig anfühlt.

„Oft ist das Problem, dass man dem eigenen Gefühl nicht traut. Ich möchte dies aber bestärken. Man sollte auf sein Gefühl hören, wenn man in der Therapie merkt ‚Ich komme hier eigentlich gar nicht weiter. Das läuft in eine völlig falsche Richtung.‘ Dann sollte man den Mut und die Größe haben, die Zusammenarbeit mit dem:der Therapeut:in abzubrechen“.

Zitat einer anonymen Betroffenen, persönliche Kommunikation mit den Autor:innen (2021)

Eine Psychotherapie kann intensiv und arbeitsreich sein. Diese Anstrengung lohnt sich jedoch meist. Viele Betroffene empfinden den Beistand durch einen:eine Psychotherapeut:in als hilfreich und eine erfolgreiche Psychotherapie als im positiven Sinne lebensverändernd.

„Ich hatte viele Phasen, in denen ich überhaupt nicht gesprochen habe, und trotzdem war meine Therapeutin da. Selbst als noch Kontakt zu den Tatpersonen bestand, hat sie mich nicht abgewiesen, sondern das auf ihre Art und Weise mitgetragen. […] Diese Mauer des Gehorsams und des Schweigens zu durchbrechen, ist kein Zuckerschlecken. Es sind mehr Tiefen als Höhen, wenn man beginnt zu verstehen, was mit einem los ist. Es ist ein Leben jenseits dieser Welt des Gehorsams möglich. Es gibt Leute, die verstehen. Mit dieser Unterstützung bin ich das, was ich heute bin: Mit einem Selbstbewusstsein und der Fähigkeit, das Leben anders oder überhaupt zu leben und neu zu entdecken sowie auch die Geschichte ein Stück weit stehen lassen zu können und Problematiken, die noch vorhanden sind, ebenso zu akzeptieren.“

Zitat einer anonymen Betroffenen, persönliche Kommunikation mit den Autor:innen (2021)

Referenzen

  1. Bohlen, I. (2010): Dissoziative Identitätsstruktur – Ziel der Konditionierung, Krankheit, Überlebensstrategie. In: C. Fliß & C. Igney (Hrsg.), Handbuch rituelle Gewalt. Lengerich, S. 36–57.
  2. Steele, K., Boon, S. & van der Hart, O. (2017): Treating Trauma-Related Dissociation. A practical, integrative approach. New York und London. Deutsche Übersetzung: Die Behandlung traumabasierter Dissoziation. Eine praxisorientierte, integrative Vorgehensweise. Lichtenau.
  3. Schröder, J., Nick, S., Richter-Appelt, H. & Briken, P. (2018): Psychiatric Impact of Organized and Ritual Child Sexual Abuse: Cross-Sectional Findings from Individuals Who Report Being Victimized. International Journal of Environmental Research and Public Health, 15(11), 2417. https://www.mdpi.com/358992 (Abruf am 13.12.2021).
  4. Gast, U. (2006): Die dissoziative Identitätsstörung – häufig fehldiagnostiziert. Deutsches Ärzteblatt, 103(47), S. 3193‒3201.
  5. Freyberger, H. J., Spitzer, C., Gast, U., Rodewald, F., Wilhelm-Gössling, C. & Emrich, H. M. (2007): Die multiple Persönlichkeit ist eine Mode, aber keine Krankheit [Multiple personality disorder is a fad ‒ not a disease]. Psychiatrische Praxis, 34(6), S. 266–268.
  6. Pietkiewicz, I. J., Bańbura-Nowak, A., Tomalski, R. & Boon, S. (2021): Revisiting false-positive and imitated dissociative identity disorder. Frontiers in Psychology, 12.
  7. Draijer, N. & Boon, S. (1999): The imitation of dissociative identity disorder: Patients at risk, therapists at risk. The journal of psychiatry & law, 27(3-4), S. 423‒458.
Share on print