Hilfe-Telefon berta  0800 30 50 750

Kostenlose Beratung bei organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt

Abstr_24

Was hilft beim Ausstieg?

Viele Betroffene berichten, dass der Ausstieg aus den Strukturen organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt eine sehr große Herausforderung für Sie darstellt. Zum einen erleben viele Betroffene wie auch Fachkräfte, dass Tatpersonen Druck ausüben und versuchen, den Ausstieg zu verhindern. Zum anderen ist die Versorgungssituation und damit die Unterstützung für Betroffene organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt noch immer unzureichend. Der folgende Text geht auf beide Aspekte ein und beschreibt darüber hinaus, was aus Sicht der Praxis beim Ausstieg helfen kann.

Themen in diesem Beitrag

Strategien der Tatpersonen

Menschen, die aus organisierten sexualisierten und rituellen Gewaltstrukturen aussteigen wollen, berichten immer wieder davon, dass die Tatpersonen ein großes Interesse daran haben, Betroffene an die Gruppe zu binden (1). Um einen Ausstieg aus der Gruppe zwecklos erscheinen zu lassen, würden sie verschiedene Strategien anwenden. So werde psychische Gewalt, wie zum Beispiel Drohungen, mit körperlicher Gewalt und Erpressung gekoppelt, um den Widerstand betroffener Personen zu brechen. So berichten Betroffene beispielsweise auch, dass sie von den Tatpersonen gezwungen werden, selbst strafrechtlich relevante Taten inner- und außerhalb der Gruppe zu begehen (2). Fotos und Filme einer solchen Mittäterschaft machen betroffene Personen erpressbar. 

„Man verfolgte mich und man setzte mich auch unter Druck, indem man mir meine eigenen Straftaten vorgehalten hat.“

Zitat einer betroffenen Person aus der Analyse von Anhörungen und Berichten im Kontext der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (1)

Hinzu kommen komplexe psychische Manipulationsstrategien. Berichten von Betroffenen organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt zufolge, erzeugen Tatpersonen gezielt und strategisch dissoziative Identitätsstrukturen: sie würden die Betroffenen durch Konditionierung „programmieren“ und ihr Realitätsbewusstsein irritieren, indem sie bestimmte Ereignisse inszenieren (1). Häufige Folgen dieser Strategien aufseiten der Betroffenen sind nach Angabe von Fachkräften Hilflosigkeit, Gehorsam und Unglaubwürdigkeit. Zudem haben viele Betroffene (Todes-)Angst und schweigen über die Taten, um sich oder andere zu schützen, was den Ausstieg und die Aufdeckung von Gewaltstrukturen zusätzlich erschwert (1).

Weiterhin wird von Betroffenen berichtet, dass Tatpersonen gut organisiert und teilweise mit Personen in gesellschaftlich wichtigen Machtpositionen vernetzt sind:

„Das sind nicht irgendwelche armen Schlucker, sondern das ist der Staatsanwalt, das ist der Bischof, das ist der Richter. Das sind Menschen, die Ansehen und Geld haben. Also das ist auch wichtig, dass wir in allen Schichten die Täter suchen.“

Zitat einer betroffenen Person aus der Analyse von Anhörungen und Berichten im Kontext der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (1)

Diese Vernetzungen könnten auf verschiedenen Wegen zustande kommen. In einigen Fällen berichten Betroffene, dass Menschen in Machtpositionen direkt der Tatpersonengruppe angehören. In anderen Fällen wird berichtet, dass Menschen in Machtpositionen zum Beispiel mit Bildmaterial oder prekären persönlichen Informationen erpresst werden (1). Das Machtverhältnis sei durch all diese Faktoren deutlich zugunsten der Tatpersonen verschoben und mindere die Möglichkeiten der betroffenen Personen, Widerstand zu leisten oder auszusteigen.

Viele Betroffene berichten zudem, dass organisierte sexualisierte und rituelle Gewalt häufig generationenübergreifend in Familien stattfindet (3). Die emotionale Bindung an Tatpersonen oder andere Gruppenmitglieder kann den Ausstieg zusätzlich erschweren.

„Und selbst wenn man dazu in der Lage ist, seinen Eltern die Verantwortung für diese Dinge zuzuschreiben und sich aufgrund der Quälereien von ihnen zu distanzieren, so stellt doch die Trennung von den Geschwistern eine ganz andere Hürde dar.“

Zitat einer Betroffenen: Melina, in: Fliß & Igney, 2010 (4)

Viele Betroffene fühlen sich der Tatpersonengruppe sehr zugehörig, obwohl sie von massiver Gewalt innerhalb dieser Gruppe berichten. Auch das kann eine bewusste Strategie der Tatpersonen sein: 

„Und auch die Geborgenheit, irgendwo zu einer Gruppe dazuzugehören, weil man sagte mir immer, dass man etwas Besonderes ist, wenn man dieser Gruppierung angehört.“

Zitat einer betroffenen Person aus der Analyse von Anhörungen und Berichten im Kontext der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (1)

Hinzu kommt häufig ein starkes Ungleichgewicht der finanziellen Ressourcen. Während viele Betroffene berichten, von den Tatpersonen finanziell abhängig zu sein, würden diese wiederum häufig über ausgeprägte finanzielle Ressourcen verfügen, die sie nach Angabe der Betroffenen unter anderem durch sexuelle Ausbeutung erwirtschaften.

Äußerer Ausstieg: Der Weg hinaus aus den Gewaltstrukturen

Menschen, die sich aus organisierten sexualisierten und rituellen Strukturen lösen wollen, haben sowohl einen „äußeren“ als auch einen „inneren“ Ausstieg zu bewältigen (5). Zum äußeren Ausstieg zählen der Kontaktabbruch zur Tatpersonengruppe sowie verschiedene Schutzmaßnahmen zur Sicherheit der Betroffenen. Dazu können beispielsweise Namensänderungen, Umzüge und Schutzbriefe gehören (5).

Haben die Betroffenen weiterhin Kontakt zur Tatpersonengruppe, kann das den Ausstiegs- und Heilungsprozess verhindern (6). Die Praxiserfahrung zeigt, dass Kontakt zu den Tatpersonen auf verschiedenen Wegen zustande kommen kann. Betroffene berichten, dass Tatpersonengruppen aktiv den Kontakt halten oder sie verfolgen und bedrohen – auch am Alltagsbewusstsein der Betroffenen vorbei. Genauso könne es vorkommen, dass gruppenloyale Persönlichkeitsanteile von Betroffenen mit dissoziativer Identitätsstruktur immer wieder selbst Kontakt zur Tatpersonengruppe herstellen. Die Beweggründe dieser Persönlichkeitsanteile zu verstehen und gemeinsam einen Weg zu finden, stellen wichtige Schritte im Ausstiegsprozess dar. Je mehr Persönlichkeitsanteile den äußeren Ausstiegsprozess befürworten und auf unterschiedliche Weise unterstützen, desto größer sind die Chancen, dass dieser gelingt (7).

Wie Betroffene den äußeren Ausstieg im Detail bewerkstelligen, ist höchst individuell und hinge nach Angaben von Helfenden sowohl von der Struktur, der Macht und den Bestrebungen der Tatpersonengruppe ab als auch von der betroffenen Person selbst und ihrer inneren Systemstruktur. Manche Betroffene entscheiden sich dafür, alles aufzugeben, sich möglichst von der alltäglichen Welt abzuschotten und über eine Zeit hinweg in gänzliche Abhängigkeit von anderen zu begeben.

„Die Betroffene ist darauf angewiesen, dass andere Menschen ihr helfen, ihren Alltag abzusichern, sie auf Wegen begleiten, mit ihr einkaufen gehen und Zeit mit ihr verbringen.“

Zitat einer Betroffenen: Melina, in: Fliß & Igney, 2010 (4)

Andere Betroffene ziehen es vor, weiterhin aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, trotz der möglicherweise damit verbundenen Gefahren. Sie gehen beispielsweise einer Ausbildung oder einem Studium nach, während sie im Innensystem an einem Bündnis für den Ausstieg arbeiten und den äußeren Ausstieg nach und nach vollziehen.

Um einen äußeren Ausstieg erfolgreich zu bewältigen, gibt es keinen pauschal zu empfehlenden Weg. Wichtig ist in jedem Fall, stets die vielfältigen, bereits vorhandenen Ressourcen dafür zu nutzen und weiter auszubauen (8).

Innerer Ausstieg: Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben

Der äußere und innere Ausstieg folgen nicht zeitlich oder chronologisch aufeinander, sondern bedingen sich gegenseitig und sind miteinander verzahnt. In anderen Worten: Der innere Ausstieg setzt nicht voraus, dass der äußere Ausstieg komplett bewältigt worden ist. Meist laufen die Prozesse zeitlich parallel.

Zum inneren Ausstieg gehören verschiedene Maßnahmen, welche die Betroffenen psychisch stabilisieren. Es kann darum gehen, dissoziative Barrieren der Betroffenen zu verringern, einen Umgang mit den Symptomen von Traumafolgestörungen zu erlernen sowie sich von (Pseudo-)Ideologien loszulösen und neu zu orientieren (5). Selbst wenn der äußere Ausstieg zunächst gelingt, stellt der innere Ausstieg weiterhin eine große Herausforderung für viele Betroffene dar, die häufig berichten, seit frühester Kindheit an die Tatpersonen und/oder die Ideologie der Tatpersonengruppe gebunden zu sein (5). Würden die erlernten Werte- und Normensysteme wegfallen, könne dies zu einer spirituellen und sozialen Leere und auch zu einer Überforderung in der „normalen“ Welt führen (9).

„Wir sind da ja quasi aufgewachsen über Jahre, und das war die Normalität. Das war einfach ganz normal. Und dann irgendwann zu kapieren, dass es nicht normal ist, das war echt ein Weg. Also das klingt verrückt, aber das war tatsächlich ein Weg zu verstehen, dass es nicht die Normalität ist, dass es die Ausnahme ist, sozusagen.“

Zitat einer betroffenen Person aus der Analyse von Anhörungen und Berichten im Kontext der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (1)

Die oftmals entstehende Leere aufgrund des inneren Ausstieges kann von Betroffenen bedrohlich erlebt werden oder den äußeren wie inneren Ausstieg verhindern. Neben der Arbeit am Ausstieg kann es daher hilfreich sein, wenn sich die Betroffenen regelmäßig den bereits vorhandenen Ressourcen, der Gestaltung des gegenwärtigen Lebens sowie ihren Lebensträumen und ihrer Lebensplanung zuwenden. Die Hoffnung auf ein eigenes, lebenswertes Leben, eine empfundene Sinnhaftigkeit in der eigenen Existenz und das Vertrauen in die eigenen Stärken sind für viele Betroffene ausgesprochen wichtig. So können sie dem Wunsch nach Kontakt zur Tatpersonengruppe und dem Gefühl der Leere entgegenwirken, das möglicherweise durch den Wegfall der bisherigen Werte- und Normensysteme sowie der vielen bisher vertrauten Personen entstanden ist.

Ausstiegsbegleitung

Um den Ausstieg aus organisierten sexualisierten und rituellen Gewaltstrukturen anzugehen, ist Begleitung hilfreich. Effektive Unterstützung erfahren Betroffene sowohl durch helfende Personen aus ihrem nahen Umfeld wie zum Beispiel Freund:innen und Partner:innen als auch durch informierte Fachpersonen wie Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen, Berater:innen oder Rechtsanwält:innen. Die Art, der Umfang und die Dauer der erforderlichen Ausstiegsbegleitung sind individuell und abhängig von den jeweiligen Bedürfnissen der Aussteigenden (5). Eine begleitende und unterstützende Psychotherapie ist für den äußeren und inneren Ausstieg und auch darüber hinaus in der Regel hilfreich und notwendig.

„Um bei einem Ausstieg überhaupt eine Chance auf Erfolg zu haben, ist für das betroffene System eine begleitende Psychotherapie unbedingt nötig, um zum einen die extrem belastende Lebensgeschichte zu verarbeiten und noch unbekannte Personen im System ausfindig zu machen und orientieren zu können […].“

Zitat einer Betroffenen: Melina, in: Fliß & Igney, 2010 (4)

Im Rahmen eines Ausstiegs sollten Helfende insbesondere auf selbstverletzende und suizidale Verhaltensweisen bei Betroffenen achten. Sie müssen damit rechnen, dass Tatpersonen versuchen, die Kontrolle über die betroffene Person aufrechtzuerhalten oder zurückzuerlangen und suizidales Verhalten zu provozieren (10).

Der Ausstiegsprozess ist häufig ein jahrelanger und für viele Betroffene ein phasenweise lebensbedrohlicher Prozess. Zusätzliche Belastungen entstehen durch unzureichende Versorgungsstrukturen.

„Leider gibt es bis heute eigentlich kein brauchbares Netzwerk, was geeignete Hilfe für einen Ausstieg aus so einem Kult bietet! […] Psychotherapie ist harte Arbeit und oftmals die einzige Möglichkeit für Betroffene, wenigstens eine Verbesserung ihrer Lebensqualität und Leidenssituation zu erlangen. Gerade für komplex traumatisierte Betroffene ist die von den Krankenkassen übernommene Stundenzahl fast lächerlich gering.“

Zitat einer betroffenen Person aus der Analyse von Anhörungen und Berichten im Kontext der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (1)

Hinzu kommen gesellschaftliche Hürden, beispielsweise durch eine zu geringe Aufklärung innerhalb der Gesellschaft und starkes Misstrauen gegenüber den Betroffenen und deren Erzählungen. Infolgedessen fühlen sich Betroffene häufig ausgeschlossen und haben den Eindruck, nicht integrierbar zu sein.  

„Wir wollen da ja auch raus. Aber uns wird es so schwer gemacht, auch da rauszukommen. Nicht nur durch die Sekte, sondern auch durch die Gesellschaft.“

Zitat einer betroffenen Person aus der Analyse von Anhörungen und Berichten im Kontext der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (1)

Ein Ausstieg stellt für die betroffenen Personen üblicherweise eine große Herausforderung dar…

Um diese zu bewältigen, brauchen sie erfahrungsgemäß eine intensive Begleitung durch ein Netzwerk von Unterstützer:innen. Ebenso wünschenswert ist eine Sensibilisierung der Gesellschaft sowie verbesserte interdisziplinäre Versorgungsstrukturen und Schutzräume. Kurzum: Betroffene Personen brauchen Unterstützung, damit der Ausstieg gelingen kann. Beratung und Hilfe beim Thema Ausstieg bietet zum Beispiel das „Hilfe-Telefon berta“.

Das „Hilfe-Telefon berta“ unterstützt kostenfrei und vertraulich bei organisierter und ritueller Gewalt: 0800 30 50 750. Die Beratungszeiten sind immer dienstags von 16 bis 20 Uhr und freitags von 9 bis 13 Uhr. Weitere Informationen zu diesem Angebot stehen auf der Website.

Referenzen

  1. Schröder, J., Behrendt, P., Nick, S. & Briken, P. (2020): Was erschwert die Aufdeckung organisierter und ritueller Gewaltstrukturen? Eine qualitative Inhaltsanalyse der Erlebnisberichte von Betroffenen und Zeitzeug_innen. Psychiatrische Praxis, 47(5), S. 249–259. https://doi.org/10.1055/a-1123-3064
  2. Rode, T. (2010): Gratwanderung Beratungsarbeit mit Betroffenen. In: C. Fliß & C. Igney (Hrsg.), Handbuch Rituelle Gewalt. Lengerich, S. 318 f.
  3. Schröder, J., Nick, S., Richter-Appelt, H. & Briken, P. (2020): Demystifying ritual abuse – insights by self-identified victims and health care professionals. Journal of Trauma & Dissociation, 21(3), S. 349–364. https://doi.org/10.1080/15299732.2020.1719260
  4. Melina (2010): Aussteigen – eine Innensicht. In: C. Fliß & C. Igney (Hrsg.), Handbuch Rituelle Gewalt. Lengerich, S. 188.
  5. Fachkreis „Sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen“ beim BMFSFJ (2018): Sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen – Prävention, Intervention und Hilfe für Betroffene stärken – Empfehlungen an Politik und Gesellschaft. Berlin. https://www.bundeskoordinierung.de/kontext/controllers/document.php/155.b/a/be8025.pdf (Abruf 30.06.2021).
  6. Miller, A. (2016): Werde, wer du wirklich bist. Mind-Control und rituelle Gewalt überwinden. Kröning.
  7. Nick, S. & Richter-Appelt, H. (2016): Zeugnisse einer Wandlung: Integrationsprozesse von Frauen mit Dissoziativer Identitätsstörung – Eine qualitative Pilotstudie. Trauma & Gewalt, 10(3), S. 218–229.
  8. Kraus, A. K., Schröder, J., Nick, S., Briken, P. & Richter-Appelt, H. (2020): Ressourcen von Betroffenen und psychosozialen Fachkräften im Kontext von organisierter und ritueller Gewalt. PTT-Persönlichkeitsstörungen: Theorie und Therapie, 24(3), S. 241–254. https://doi.org/21706/ptt-24-3-241
  9. Igney, C. (2012): Rituelle Gewalt – im Spannungsfeld von Parallelwelten, gesellschaftlicher (Ab-)Spaltung und psychosozialem Arbeitsalltag. Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewissenschaft und Psychologische Medizin, 12, S. 11–26.
  10. Fliß, C. (2010): Ausstiegsbegleitung. In: C. Fliß & C. Igney (Hrsg.), Handbuch Rituelle Gewalt. Lengerich, S. 199.
Share on print